Hanna Bieber-Böhm-Denkmal

Die Frauenrechtlerin Hanna Bieber-Boehm und ihr Wirken in Neuzelle

Die Beschäftigung mit der Frauenbewegung in Deutschland des 19. Jahrhunderts lässt kaum vermuten, dass eine der bekanntesten Persönlichkeiten dieser Zeit in Neuzelle, am östlichsten Rand des Landkreises Oder-Spree gelegen, ihre Spuren hinterlassen hat. Wer heute einen Besuch nach Neuzelle unternimmt, besichtigt hauptsächlich die fast vollständig erhaltene barockisierte Klosteranlage. Das hier in Neuzelle im Jugendstil errichtete Grabdenkmal der Hanna Bieber-Boehm ist jedoch nur lokal bekannt.

Jugend in Glaubitten (Ostpreußen)

Hanna Elmire Flora Boehm, am 06. Februar 1851 als ältestes von acht Kindern des Rittergutbesitzers Otto Boehm und seiner Ehefrau Bertha in Glaubitten, Ostpreußen geboren, musste frühzeitig die Rolle der 1870 verstorbenen Mutter einnehmen und den elterlichen Haushalt in Glaubitten führen.

Übersiedlung nach Berlin

Anfang der 1870er Jahre ging Hanna Boehm nach Berlin, um dort Malerei zu studieren. Dieses Talent begleitete sie ein Leben lang. Themen ihrer Arbeiten waren zuerst Porträts ihrer Familie und Ansichten des Elternhauses in Glaubitten. Hanna Boehm reiste während ihres Studiums nach Italien, Tunesien, Griechenland und Konstantinopel, wo sie ihre größten Inspirationen sammelte. Motive hier waren Alltagseindrücke und Porträts von Personen, Bekannte aber auch ihr Unbekannte, die sie festhielt. Im Nachlass sind Federzeichnungen, Aquarelle, Skizzen und Gemälde erhalten.

1888 heiratete die 37jährige Hanna den sieben Jahre jüngeren Rechtsanwalt Richard Bieber, den sie während ihres Studiums in Berlin kennengelernt hatte. Ihr zukünftiger Mann Richard Bieber war aus der israelitischen Religionsgemeinschaft ausgetreten und beide wollten in der Marienkirche heiraten, doch der evangelische Pfarrer verweigerte die kirchliche Trauung. Aus Empörung des Verhaltens trat Hanna Boehm ihrerseits aus der evangelischen Kirchengemeinschaft aus. So wurden die beiden nur standesamtlich getraut, was seit der Einführung der Zivilehe 1874 im Deutschen Reich möglich war. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Hinwendung zur Politik

Fortan widmete sie sich nicht nur ausschließlich der Malerei, auch die politischen Geschehnisse in Berlin waren Themen im Bieber-Boehmschen Haushalt. Unter Reichskanzler Fürst Otto von Bismark stieg das deutsche Reich zu einer der bedeutendsten Wirtschaftsnationen des 19. Jahrhunderts auf, die auch innenpolitisch zu Verbesserungen der Bevölkerung führte. Auf die noch vorhandenen Missstände versuchten verschiedene Organisationen, Verbände und Vereine aufmerksam zu machen und so eine Behebung dieser auf gesetzlicher Ebene zu erreichen.

Anschluss an die Frauenbewegung

Hanna Bieber-Boehm schloss sich der deutschen Frauenbewegung an, die seit 1848 für die Rechte der Frau kämpfte. Sie beschäftigte sich mit Fragen der Sittlichkeit, der Prostitution und des Jugendschutzes. Mit anderen Mitstreiterinnen reichte sie regelmäßig Petitionen im deutschen Reichstag ein, um die Stellung der Frau im Deutschen Reich zu verbessern und dem Mann gleichstellen sollte.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit gründete sie den Verein „Jugendschutz“ in Berlin. Mädchen erhielten in diesem Verein Unterstützung bei der Wohnungssuche, Haushaltsunterricht und Hilfe bei der Stellensuche. Einen Kinderhort und Kindergarten richtete sie später ein. Vorrangig half der Verein Jugendschutz jungen Frauen, die ohne Familie nach Berlin kamen, um ihnen ein Zuhause und Halt zu geben, um sie so vor der Prostitution zu bewahren. 1894 war sie als Vertreterin des Jugendschutzes an der Gründung des „Bundes deutscher Frauenvereine“ in Berlin beteiligt. Dieser als Dachverband gegründete Verein setzte sich für die Verbesserung des Familienrechts, dem Arbeiterinnenschutz, der Hebung der Sittlichkeit, des Erziehungswesens, der Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen und im Kinderschutz ein.

Hanna Bieber-Boehm in Neuzelle

1902 kaufte Hanna Bieber-Boehm für den Verein Jugendschutz ein zweistöckiges Wohnhaus auf dem Priorsberg in Neuzelle. Die Neuzeller Mönche bauten 1817 auf dem gegenüberliegenden Hang vom Klosterkomplex Wein- und Obst an und errichten dafür ein kleines Winzerhaus mit Winzerwohnung, das seit Mitte des 18. Jhs. auf historischen Flurkarten belegt ist. 1817 löste der preußische König Friedrich Wilhelm III. das Kloster Neuzelle auf und richtete für die Verwaltung eine Generaladministration ein, die der preußischen Regierung in Frankfurt (Oder) unterstellt war. 1841 verkaufte das Stift Neuzelle das Winzerhaus auf dem Priorsberg, das 1847 zugunsten eines zweistöckigen Wohnhauses neu errichtet wurde.

In der ruhigen Lage, fernab der Hauptstadt Berlin, richtete Hanna Bieber-Boehm ein Jugenderholungsheim für „bleichsüchtige, schwächliche Mädchen“ ein, das auch Müttern mit Kindern und älteren Frauen offenstand. Angegliedert war außerdem eine Haushaltungs- und Gartenbauschule, die es den Frauen ermöglichte, bei ihrer Rückkehr nach Berlin einen Beruf zu ergreifen und selbstständig tätig werden zu können. Besonders jüdische Sponsoren finanzierten die Schule und das Heim. Bereits 1908 waren in diesem Jugenderholungsheim 120 Gäste untergebracht. Hanna Bieber-Boehm wohnte weiterhin in Berlin, besuchte die Schule in Neuzelle aber regelmäßig.

Grabdenkmal auf dem Priorsberg

Nach kurzer schwerer Krankheit verstarb Hanna Bieber-Boehm am 15. April 1910 in Berlin. Auf dem Priorsberg in unmittelbarer Nähe des Hauses ließ ihr Mann Richard Bieber ein Grabmal im Jugendstil errichten, in der die in Jena eingeäscherte Urne seiner Frau bestattet wurde. Auf der Inschrift stand neben ihren Daten die Inschrift „Sie lebte für die anderen“. Die Sitzbänke am Grabdenkmal boten den direkten Blick auf das Areal des Zisterzienserklosters Neuzelle und in die Oderniederung hinab. Die von Hanna Bieber-Boehm gegründete Schule und das Heim wurden nach ihrem Tod weitergeführt. 1921 richtete der Lette-Verein eine Haushaltungsschule - Stiftung Hanna Bieber-Boehm - ein, die als staatliche Schule bis 1935 bestand.

Nutzungen nach 1935

In der NS- Zeit nutzte die NPEA - Neuzelle und die BDM dieses Haus. Katholische Ordensschwestern der Borromäerinnen richteten 1946 ein Krankenhaus und Altersheim ein und geben dem Haus den heute noch gebräuchlichen Namen Carolus-Heim. 1961 nutzte die Gemeinde Neuzelle das Carolusheim als Kindergarten und Schülerhort. Nach dem Auszug der Kindertagesstätte 1995 stand das Gebäude leer und wurde zwischen 2006 und 2008 durch die Stiftung Stift Neuzelle umfangreich saniert. Heute ist im Carolus-Heim auf dem Priorsberg ein mit 43 Internatsplätzen im Haupthaus und Anbau für das Gymnasiums im Stift Neuzelle auf dem Priorsberg entstanden.

Restaurierung des Grabdenkmals

Bis wann das Denkmal in vollständigem Zustand erhalten blieb, ist heute unklar. Wildwuchs und Vandalismus haben das Denkmal in einen Dornröschenschlaf versetzt. Seit 2009 begannen Sicherungsmaßnahmen am Denkmal, wobei festgestellt wurde, dass alle Sandsteinelemente des Grabmahls vor Ort erhalten geblieben sind. In einem ersten Bauabschnitt erfolgte die Wiederaufstellung aller Sandsteinelement sowie die Wiederherstellung der Sichtachsen. Der zweite Bauabschnitt sah die ausführliche Feinrestaurierung der Sandsteinornatmente und Inschriften vor. Die Maßnahmen konnten mit Mitteln der EUR, des Landkreises Oder-Spree sowie der Stiftung Stift Neuzelle durchgeführt und im November 2013 abgeschlossen werden.

Die Grabinschrift „Sie lebte für die Anderen“ ist heute noch sehr gut auf der Grabplatte zu erkennen. Die Restaurierung des Grabdenkmals von Hanna Bieber-Boehm macht auf eine Frau des 19. Jahrhunderts aufmerksam, die ihrer Zeit bereits weit voraus gewesen ist.


Quelle: Kreiskalender Landkreis Oder-Spree 2012, Beeskow 2011, S. 96-99

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